Der Hauch der Geschichte

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tossed to me,
I lift my lamp beside the golden door!
Weltberühmt wurden diese Zeilen, selbst in Hitchcocks Film "Saboteur" werden sie zitiert, Paul Auster hat über sie geschrieben. Ihre Dichterin Emma Lazarus fand zunächst, über eine Statue ließe sich nichts schreiben. Ihr Gedicht "The New Colossus" war Teil der Fundraising-Aktion für das Aufstellen der Freiheitsstatue von Amerika, es geriet lange in Vergessenheit und steht seit 1903 auf einer Bronzetafel im Innern des Fundaments. Seither ist es nicht nur Kult, es hat die Lady Liberty, die für sehr internationale, demokratische Werte einer Republik stand, umgedeutet in eine Mutterfigur, die Emigranten willkommen heißt. So muss ich ausholen, wenn ich jetzt von meinem Sketchbookproject erzähle und was beim Vorzeichnen des Covers passiert ist.

Noch nicht fertig gezeichnet, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das Cover meines Sketchbooks zeigt die Arbeiter bei der Vormontage der Freiheitsstatue in New York, wie sie damals in halsbrecherischer Höhe an Seilen und Flaschenzügen montierten. Die Freiheitsstatue selbst wurde in Paris gefertigt, wo der elsässische Bildhauer Frédéric Auguste Bartholdi mit der Werkstatt von Gustave Eiffel arbeitete. Die Rückseite zeigt den Kopf, wie er vor der Verschiffung auf der Pariser Weltausstellung gezeigt wurde. Unbeabsichtigt und zufällig: Die Symbolik um die Kopflosigkeit ist recht aktuell.



"The Golden Door" heißt einer meiner Lieblingsfilme, der mir immer wieder Gänsehaut verursacht, im Originaltitel "Nuovomondo". Emanuele Crialese hat hier Bilder geschaffen, die unter die Haut gehen. Seine Szene, in der die Emigrantinnen und Emigranten durch Milch ins "Gelobte Land" schwimmen - zur Musik von Nina Simones "Sinnerman", hat mich so umgehauen, dass sie mich sicherlich noch für eine Zeichnung inspirieren wird. Denn das war es auch für meine Familie, die auswanderte - das Land, in dem Milch und Honig fließen sollten.

Parallel zum Ideensammeln bin ich natürlich ein wenig in der Ahnenforschung versumpft, denn ich wollte jenem unbekannten "Gladstone" nachspüren, von dem ich nur ein paar Fotos aus den 1950ern besitze, dafür aber jede Menge Familienlügen und ein paar zaghafte Hinweise meiner Großtante, die so gar nicht dazu passen wollten. Hier habe ich darüber schon geschrieben. Wegen der Persönlichkeitsrechte, weil manche Verwandte noch leben, muss ich das alles entsprechend fiktionalisieren und habe den fiktiven Namen gewählt, weil es der Originalname von Gustav Gans ist und weil Entenhausen eine Rolle spielt. Ach, was sage ich da, Los Angeles natürlich!

Wieder muss ich ausholen: Es ist eine einzige Onkelei, die Ducks lassen grüßen! So habe ich einen der "Onkels", der die Schwester meines Großvaters geheiratet hatte, als Kind sogar einmal persönlich kennenlernen dürfen. Ich werde nie die außergewöhnlichen Halsketten und das Schürzchen vergessen, was er mir dann aus den USA schickte. Und es ist symptomatisch für meine Kindheit: Die Ketten wurden mir weggenommen, "die spinnen doch, die Amerikaner, das Glitzerzeug ist nichts für kleine Kinder!" Ich besitze beide Ketten immer noch, eine war gebrochen und ich bestellte vor vielen vielen Jahren zum ersten Mal im Internet genau passende, ja sogar nachgemachte Perlen und lernte, wie man ein dreireihiges Collier knüpft. Die Perlenlieferantin arbeitete damals von der heimischen Garage aus - heute ist die Firma mein Großhändler! Die Schürze, eher ein petticoatartiger Halbrock in Weiß, hatte so lustige rosa und hellblaue Kreise, dass ich noch viele Kreise mehr in Wasserfarbe dazu malte. Das weiß ich aber nur aus Erzählungen. Ich selbst habe es wohl verdrängt, weil ich dafür bestraft wurde und die Schürze im Müll landete. Nichts für Kinder, sowas! Auch das sah ich erst bei meiner Großtante auf Fotos: Alle Mädchen in den USA sahen damals so aus, alle meine Cousinen bekamen Halsketten und Schürzchen zu Weihnachten, zu Geburtstagen.

Es ist unschwer zu erraten: Ich wuchs in einem auf seltsame Weise kunstfeindlichen Arbeiterhaushalt auf. Paradox und Double-Bind waren üblich, wenn es um Kunst ging - was ich erst als junge Erwachsene herausfand. An der Wand hingen Ölgemälde meiner Mutter, aber sie "hasste es" zu malen. Wenn ich in der ersten Klasse etwas zeichnete, war es ihr nicht perfekt genug und ich musste stundenlang ihren Vorzeichnungen folgen, bis auch der letzte Strich saß. Ich durfte zwar Bilder bei Ausstellungen zeigen, bekam aber gleichzeitig eingebläut, ich solle ja nicht auf die blöde Idee kommen, Künstlerin zu werden! Schließlich bewiesen meine Bilder doch, wie schlecht ich sei - man würde sich auch nicht lächerlich machen und bei der Ausstellung vorbeikommen. Ich sollte "etwas Ordentliches" lernen. Jeder, der auch nur annähernd etwas von einem Künstler an sich hatte in der Familie, wurde schlecht gemacht, geächtet. Und so kam es, dass ich Gladstone nie kennenlernte, welcher der Neffe von jenem Onkel mit den Glasperlenketten und meinem Opa war.

Wie im anderen Blogbeitrag erzählt, hatte ich auch seine Fotos erst schockartig beim Ausräumen der elterlichen Wohnung entdeckt, sie waren gut versteckt worden. Genauso versteckt wie Kartons voller Papier, mehrfach gekauften Stifteschachteln, eingetrockneten Ölfarben und anderen traurigen Resten einer Existenz, die sich selbst die Kunst so lange versagte, bis sie nur noch ein Tasten war. So, wie ich eigentlich am liebsten auf die Kunstakademie gegangen wäre, aber zu dieser Zeit schon erfolgreich umdressiert worden war. Immerhin, ich wurde trotz allem Künstlerin, es lässt sich nicht unterdrücken. Dass ich mich dann fürs Schreiben entschied, war absolut freiwillig, weil ich nach wie vor glaube, dass das mein eigentliches Talent ist - fürs Malen war ich nie gut genug.

Die Ahnenforschung war aufschlussreich und hat mich doch auch getroffen, weil ich zeitlebens das Gefühl hatte, ich sei wohl als Baby von irgendeiner Fee falsch ausgeliefert worden. Wer da auswanderte, das waren alles Freigeister, viele sogar Freimaurer (hat man auch verschwiegen) und nicht wenige hatten es sehr mit der Kunst! Musik haben die meisten gemacht, einer hatte sogar eine eigene Motown-Band, ein anderer schaffte als Musiker in den USA Schallplatten und Fernsehauftritte. Richtig Gänsehaut bekam ich dann bei jenem Onkel mit den Halsketten. Eigentlich war er Metallarbeiter gewesen. Aber er soll mit "Weichmetallen" Kunst für alle möglichen Leute gemacht haben. Naja, dachte ich, wird seinem Nachbarn vielleicht das Gartentor verziert haben?

Plötzlich entdeckte ich in Unterlagen, dass er die atemberaubenden Art-Deco-Türen der Severance Hall in Cleveland zwar nicht entworfen, aber gearbeitet hatte! (im Video ab 1:15 zu sehen). Bei Baubeginn war er gerade mal drei Jahre im Land. Gladstone ist sein Neffe, auf meinen Fotos ist er frisch mit dem Flugzeug gelandet und macht sich nach dem Familienbesuch auf nach Los Angeles, in die Disney Studios. Meine Großtante erzählte früher, er sei dort Portraitmaler gewesen. Was ich erst seit heute weiß: Er und seine Frau, ebenfalls eine Künstlerin, haben in Palos Verdes eine recht bekannte Künstlerkolonie mit aufgebaut und diesbezüglich Spuren hinterlassen. Ich kam leider zu spät, Gladstone ist 2002 gestorben. Die verheimlichte Familie, die so ganz anders war als von der meinen vorgegeben, hätte mir früh Vorbild sein können, hätte mich vielleicht mutiger machen können?

Und so gerät mir das Sketchbook jenseits allen Storytellings und jeder professionellen Fiktion zu einer Entdeckungsreise, die schon fast etwas Therapeutisches hat: Ich bemächtige mich mit jedem Schritt eines Teils meiner Selbst, den man mir hatte austreiben wollen. Zwischen Trotz und Kuriosität benutze ich sogar teilweise Stifte meiner Mutter, die sie nur weggesperrt hatte. Ich mache vorsätzlich und frei das, was ich nur ordentlich für Einsernoten in der Schule machen durfte: zeichnen, malen, brotlos. Und ich werde dieses Büchlein dahin schicken, wo alles angefangen hat mit den Glückspilzen, die leider nicht alle welche waren, die auch nur Menschen blieben.
Warum aber muss man erst so alt werden, um so weit zu kommen?

Mir standen ernsthaft gestern die Haare zu Berge und ich musste meine Hand auf Löschpapier stützen, so feucht war sie vor Aufregung: Es schloss sich ein Kreis. Ich bin nun endlich ganz und gar die, vor der mich meine Eltern immer gewarnt haben - und es fühlt sich einfach prächtig an. Es ist faszinierend, wie wenig sich so etwas auslöschen lässt. Ich wusste nicht wirklich, warum ich heute Papierperlen so gern mit tschechischem Glitzerglas kombiniere. Erst durch das Sketchbook erinnerte ich mich wieder an die Glitzerkette jenes "Onkels", die mir in meiner Kindheit sofort weggenommen worden war, obwohl ich sie damals schon liebte. Die ich erst in meiner Jugend wiederbekam, immerhin. Jetzt glaube ich zu wissen, warum er sie ausgewählt hatte - dieses amerikanische Stück hatte ihn in all dem Plastik wahrscheinlich an seine tschechische Heimat erinnert. Auf einmal ist die Geschichte so nah - ich kann sie fast berühren. So viel später habe ich das Collier repariert und immer noch nicht geahnt, dass ich eines Tages Schmuck fertigen würde.

Immer wieder schlägt das Leben Kreise, so wie die Geschichte. Als ich gestern diese winzigen Männchen an den Seilen zeichnete ... das habe ich bei Facebook beschrieben:
"Aber wie ich dann diese kleinen Männchen an Seilen auf der Freiheitsstatue zeichnete, gingen im Kopf plözlich alle möglichen Türen auf ... Bilder, Erinnerungen. Ihr kennt sicher diesen uralten Slapstick (war es Buster Keaton?) auf einem New Yorker Wolkenkratzer mit dem Zifferblatt einer Uhr? Und dann die Arbeiter in schwindelnden Höhen an den Wolkenkratzern. Und die wunderbare Doku "Man on Wire", über den Hochseilartist Philippe Petit, der zwischen den Türmen des World Trade Centers gelaufen ist - illegal. Colum McCann, den ich sonst sehr bewundere, hat daraus leider eins seiner schwächeren Bücher gemacht: Let The Great World Spin.
Ich weiß, dass mein Sketchbook in der Mitte einen Schmetterling zeigen wird, als Popup montiert. Ein bißchen nur weiß ich warum, es ist eher ein Gefühl, dass sich beide Geschichten, die von hinten und von vorn erzählt werden, dort treffen müssen. Seit eben kommt ein Lüftchen auf, der Schmetterling beginnt, in großer Höhe zu flattern ..."

Ich komme dem Schmetterling ein wenig näher, weil sich gerade ein kleines Mädchen verpuppt, das eine Geschichte über Amerika erzählen wird. Und so entstehen Geschichten sehr oft, sie flattern einfach um einen herum, bis man genauer hinschaut. Dann setzen sie sich manchmal hin und lassen sich betrachten.

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